erschienen auf Kultur Züri

Ansingen gegen die Wohnungsnot

Zwischen Wohnungsfrust und Grillplausch, Sprechchor und Sektgläsern: Das Sogar Theater bringt die Zürcher Wohnungskrise dorthin, wo man ihr ausnahmsweise lachend begegnen kann – auf die Bühne.

Kaum, dass die Generalprobe vorbei ist, knallen schon die Sektkorken. Grössere Patzer gab es keine, auch die Nervosität ist längst gespannter Vorfreude gewichen. Ja, die Stimmung am Vorabend der Premiere von «Suchst du noch, oder wohnst du schon?» könnte besser nicht sein. Der Grund für das Gläserklirren ist allerdings ein anderer: Darsteller Carlo hat zwei Tage zuvor eine Wohnungszusage bekommen. «Mein erster unbefristeter Vertrag! Das musste ich einfach mit dem Chor feiern.»

Sollte es einen Gott der Wohnungssuche geben, scheint er eine Schwäche für Ironie zu haben – und ein Händchen für gutes Timing. Zumindest in diesem Fall. Die meisten dürften eher seine launische, knausrige und willkürliche Seite kennen. Kaum ein anderes Thema wird in Kommentarspalten und Kantinen hitziger debattiert als die Fragen um das grosse W. Keine Meinung zur Wohnungsnot in Zürich haben? Eigentlich unmöglich.

 Es war für Leitungsteam und Regisseurinnen des Sogar Theaters fast schon ein Leichtes, das Ensemble für das neue Stück zusammenzustellen: einen Sprechchor aus Mieter:innen, die den Zahlen und Fakten rund um die Wohnungskrise eine Stimme geben. Zahlreiche Laiendarsteller:innen folgten dem Mitmach-Aufruf; ein Dutzend ist nach einem ersten Kennenlernen geblieben, die jüngste 11, die älteste 78 Jahre alt. Fast alle wohnen sie selbst im Quartier – und können ihr ganz eigenes Lied von Mieterhöhungen, Wohnungsknappheit und Leerkündigungen singen. Für Regisseurin Ursina Greuel stand es deshalb ausser Frage, auch die persönlichen Geschichten der Darstellenden in das Stück einfliessen zu lassen. Zum Beispiel die der 11-jährigen Nivin, die in einem der Sugus-Häuser wohnt. Auch wenn ihr eigenes Haus nicht von der Kündigung betroffen ist, haben die Ereignisse sie wütend und betroffen gemacht. «Es ist einfach sehr ungerecht», empört sich die Sechstklässlerin. Für Carlo waren die Theaterproben eine Art «Gruppentherapie zur Wohnkrise», wie er lachend bemerkt. In fünf Jahren Zürich ist der 30-Jährige fünf Mal umgezogen, von einem befristeten Mietverhältnis ging es ins nächste. Irgendwann hat der Architekt sich ein Spiel aus dem konstanten Suchzustand gemacht und eine Cap mit den Worten «Looking for a room» bestickt. Freund:innen können diese mieten. «Ein kapitalistisches Parodieprojekt.»

In Zeiten, in denen der Leerstand in der Stadt Zürich gerade mal rund 0.07 Prozent beträgt, mögen Durchhaltevermögen und Inserate-Alert die wichtigsten Hebel in Richtung Mietvertrag sein. Mindestens genauso wertvoll: Humor. Auch im Sogar Theater darf geschmunzelt und gelacht werden – sowohl während der Aufführung als auch beim anschliessenden Grill. Am Ende geht es nicht nur um Wohnungsfrust, sondern um die Wurst. Die Vegi-Cervelat ist im Eintritt inbegriffen. Und damit die Möglichkeit, sich mit den Mietleidenden auf und vor der Bühne nach dem Schlussapplaus über den Wohnungswahnsinn auszutauschen. Zusammenkommen und Zusammenhalten – auch das wollen die Macher:innen des Sogar Theaters ermöglichen.

Was also ist die Lösung, um aus der Krise zu kommen? Für Carlo ganz klar: «Am 14. Juni wählen gehen. Einmal ja und zweimal nein.»