Karl, der Grossartige
… und der Schauspieler, der Konsul und Kulturliebhaber. Und vor allem: mein Nachbar. Ein Portrait.
Es war einmal … im Afghanistan der frühen 70er-Jahre, als ein knapp dreissigjähriger Ostschweizer auf den Geschmack des Theaters kommt. Er war auf einer privaten Party im Kellnerhabit aufgekreuzt, die linke Hand vornehm hinter dem Rücken geparkt, während die rechte ein Tablett mit drei Sektgläsern balancierte. «Ich bin auf die Leute zugegangen – oder sagen wir eher: zugestolpert.» Die liessen einen Schrei los, als sie das Geschirr fast schon durch die Luft fliegen sahen. Doch dann: Lautes Lachen, Kopfschütteln, Aufatmen. «Die Gläser waren angeklebt. Ich wollte einfach ein wenig Action da reinbringen.»
Ein Lehrer der Deutschen Schule sah die komische Szene – und engagierte den Pharmakaufmann kurzerhand für seine Theaterkompagnie: die Kabul Amateur Dramatic Society. A star was born. Oder zumindest eine von vielen Geschichten, die Karl Dörig auch über 50 Jahre später immer noch mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht erzählt.
Karl – das ist mein Nachbar, unser aller Haus-Opa und Tratschonkel. Er kennt nicht nur die rund 70 Bewohner:innen der Liegenschaft bei Vor-, Nach- und manchmal auch Kosename, sondern hütet auch die Katze im siebten Stock und mixt Bowle für eine Tavolata auf der Wiese vor dem Haus. Und: Mit seinen fast 84 Jahren steht er immer noch gerne im Rampenlicht – ob das die Deckenstrahler in seinem Wohnzimmer sind, unter denen er mit Powerpoint und Flipchart von seiner Zeit in Afghanistan erzählt oder die Kleinkunstbühnen der Stadt.
Seit seiner Pensionierung schlüpft Karl als Ensemblemitglied der Zürcher Seniorenbühne in Rollen wie Charlys Tante oder den Dr. Hagedorn in Drei Männer im Schnee. Vor zwei Jahren kam noch ein Engagement im Helfereitheater hinzu. «Die Souffleuse macht seit Jahren Yoga mit mir und hat mich für einen guten Schauspieler gehalten.» Irgendwann flüsterte sie ihm ins Ohr, dass das Theater einen wie ihn gut gebrauchen könnte. Wenige Wochen nach der letzten Vorstellung sei die Zukunft des Laientheaters allerdings ungewiss. «Viele Darsteller sind alt. Und es bräuchte jemanden, der die Fäden wirklich in der Hand hält.» Es schwingt ein wenig Bedauern in Karls Stimme mit – das aber schnell einem hoffnungsvollen Lachen weicht. «Mal schauen, das Grossmünster hat jetzt einen neuen Pfarrer. Und der betrachtet es als seine Aufgabe, das Theater am Leben zu erhalten.» Vielleicht zieht sich der letzte Akt also doch noch ein wenig dahin.
Und wenn nicht, hat Karl ohnehin genug anderes zu tun: Konzerte besuchen, zum Beispiel. Immer wieder zieht es ihn zu den Auftritten des Akkordeonisten Goran Kovacevic. «Den hab ich bestimmt schon ein Dutzend Mal gesehen, er ist wirklich grossartig! Einmal dachten die Leute im Publikum, er sei mein Sohn.» In einer Email berichtete er dem Musiker vom Missverständnis – seither wird sich bei Konzerten gegrüsst. Ob Lara Stoll und Karl auch schon per Du sind? Die Slam-Poetin hat es meinem Nachbarn ebenfalls angetan. «Die hab ich sicher schon fünf Mal gesehen. Für die geh ich weit!»
Karl, der Weitgereiste, der auch im hohen Alter immer den Uetliberg hoch- und runterspaziert, in den Zug gen Origen Festival steigt, oder gar ins Flugzeug nach Berlin. Einige Jahre gehörten auch die Ballettsolistin Raffaele Queiroz und der Fotograf Admill Kuyler zum Personal unserer Villa Kunterbunt. Inzwischen lebt das Paar in Berlin, kommt für Engagements in der Schweiz aber immer wieder in die alte Heimat. Dann bezieht Karl das Bett in seinem Gästezimmer neu, streicht die Decke glatt und wartet, bis es klingelt und Admill zur Tür hereinspaziert. «Wir sind inzwischen gute Freunde». Alle paar Wochen wird aus der Dreizimmerwohnung so eine Art Künstler-WG.
Was Karls vier Wände immer sind: ein kleines Museum. Bevor ich die Reise in die oberen Stockwerke wieder antrete, bekomme ich noch die obligatorische Führung durch die Galerie im Gang. «Petersburger Hängung», denkt die Kunsthistorikerin in mir schmunzelnd. Über hundertjährige Familienfotos, Portraitaufnahmen, Schnappschüsse von Theatervorstellungen, Zeitungsartikel und Kunstwerke leuchten mir entgegen, ein Sammelsurium aus Erinnerungen auf dunkelrotem Tapetengrund. Sogar eine Urkunde des Departement Politique Fédéral ist darunter, das Karl zum Konsul ernannt hatte – daneben die Bestätigung der Ernennung durch den afghanischen Präsidenten höchstpersönlich.
Karl, der Grossartige, der nicht nur immer für einen Schwatz auf dem Bänkli vor der Haustür zu haben ist, sondern auch für die eine oder andere Überraschung. Ich klemme meinen Wäschekorb unter den Arm, drücke den Fahrstuhlknopf und frage mich, welche Geschichten sich wohl hinter den anderen 42 Türen unseres Hauses verbergen.