Pionierinnen der Klassik
Am Konzertabend «Not Mozart» in der Zentralwäscherei spielen Frauen klassische Werke von Frauen.
«Dieses Lied ist ein Ereignis. Es wird das Pop-Jahr 2025 überstrahlen», schreibt der Tages-Anzeiger Ende Oktober über Rosalías Song Berghain. Dramatische Orchesterklänge treffen auf Operngesang; Radiosender, Kritiker:innen, Fans und alle anderen, denen das Stück in Storys und Playlists um die Ohren fliegt, scheinen gar nicht anders zu können als «Oh!» und «Ah!» zu rufen. Zu überraschend ist das ekstatische Amalgam aus Popmusik und Klängen, die wir sonst nur aus der Klassik kennen. Nein, dieser Text soll kein weiteres Loblied auf die spanische Sängerin werden. Doch auch das Vorhaben, das hinter dem Konzertabend «Not Mozart» steckt, hat das Zeug zum Ereignis. Es trifft einen Nerv, rüttelt an unserer Vorstellung davon, wo und wie klassische Musik stattfindet, und vor allem: was gespielt wird.
21 Musiker:innen und ein Musiker interpretieren am 13. Dezember in der Zentralwäscherei Werke von selten mehr und häufig weniger bekannten Komponistinnen. Dass bei Letzteren kein Gender-Doppelpunkt notwendig ist, liegt daran, dass tatsächlich ausschliesslich Stücke von Frauen zur Aufführung kommen. Die Idee dazu kam dem vierköpfigen Organisatorinnenteam ausgerechnet in der Zürcher Tonhalle, beim Blick auf den Komponistenhimmel, von dem Mozart und Kollegen auf die Köpfe der Zuhörenden im Saal herabblicken. «Alles Männer», stellt Mitorganisatorin Tiara Lee Muntwiler fest.
Noch heute, 130 Jahre nach Entstehung des Deckengemäldes, sind es vor allem weisshaarige, längst von Würmern verdaute Männer, die in der klassischen Musik den Ton angeben und für die wir mit ehrfürchtigem Blick eine Nackenstarre riskieren.
«In der Zeit, in der ich an der Musikhochschule war, habe ich kein einziges Werk einer Komponistin gespielt. Das ist schon krass.» Die 25-jährige Pianistin Viviane Gloor ist eine der Musiker:innen, die den Konzertabend mitgestalten werden. Dass sie nicht in einem altehrwürdigen Saal, sondern in der für Partys und Performances bekannten Zentralwäscherei hinter dem Flügel sitzen wird, ist zwar ungewohnt; gleichzeitig bietet das Projekt die Gelegenheit, die europäische Klassik von ihrer Staubschicht aus überholten Ritualen, Vorurteilen und zu viel Testosteron zu befreien. «Ich sehe es schon als unsere Aufgabe, zu den Leuten hinzugehen und zu sagen ‹hey, das gibt es übrigens und es ist mega cool!› Das erreichen wir durch die ZW oder andere Kulturlokale.» Viviane Gloor wird sich an diesem Abend unter anderem der kroatischen Komponistin Dora Pejačević und ihrem Werk Blumenleben, Op. 19: No. 5, Rose widmen.
Auf die Menschen zuzugehen – das bedeutet auch, die Distanz zum Publikum zu verringern und das Musikerlebnis unmittelbarer zu machen. «Wir wollen ein klassisches Konzert in einen Rahmen bringen, in dem es eigentlich nicht stattfinden würde», beschreibt Elsa Wuchner ihre Vision. Seit dem Besuch eines Klavierfestivals hatte sich die Ärztin und Electro-Verfechterin gefragt, wie es wohl wäre, selbst einen Konzertabend auf die Beine zu stellen. «Viele fühlen sich von Protz und Etikette grosser Institutionen ausgeschlossen. Deswegen versuchen wir einen Ort zu schaffen, an den auch diejenigen kommen können, die sich andernorts unwohl fühlen.» Sitzkissen und Teppiche statt festgeschraubter Stuhlreihen sollen diese Nähe unterstützen, Musik und Publikum sollen sich auf Augenhöhe begegnen.
Auch wenn das Setting bewusst mit den Konventionen traditioneller Klassikkonzerte bricht, betont das Team, dass es keinesfalls die Absicht sei, den historischen Kanon abzuwerten. «Wir verstehen es als Einladung zu seiner Erweiterung». Es gehe darum, gängige Konzertformen zu hinterfragen und gleichzeitig einen Raum zu schaffen, in dem Neues ausprobiert werden kann.
Wie ihr Umfeld auf das ungewöhnliche Projekt reagiert hat? «Immer wieder hiess es ‹mega nice!› Aber ob die am Ende wirklich kommen?» Elsa Wuchner bleibt skeptisch, wer tatsächlich den Weg in die Zentralwäscherei finden wird, um Klaviersonaten zu lauschen statt zu Technobeats zu tanzen.
Allerdings: Mit Rosalías Ausflug in den Orchestergraben und dem darauffolgenden Hype hatten ebenfalls die wenigsten gerechnet. Gut möglich also, dass auch «Not Mozart» etwas ins Rollen bringt, das künftig ganz selbstverständlich ist: nämlich, dass klassische Musik weder Sockel noch Dresscode braucht.