erschienen auf Kultur Züri

Zurück in die Zukunft

High-Tech-Architektur meets (High) Performance: Nach der OP am offenen Herzen wird im Theater Winterthur wieder gespielt.

Nicht das Damoklesschwert, sondern die Abrissbirne schwebte vor rund zehn Jahren gefährlich dicht über dem grauen Bleidach an der Theaterstrasse 6 in Winterthur. Der brutalistische Bau von 1979, der wirkt, als hätte jemand mehrere Schablonen desselben Gebäudes übereinandergeschoben, ist in die Jahre gekommen. Abreissen also – oder doch renovieren? Am Ende fallen die Würfel zugunsten der Generalüberholung. Zum Glück. 

Denn blickt man im Herbst 2025 – rund 15 Monate nach Beginn der Sanierungsarbeiten – in den Bühnenraum und die Büroräume des Theaters, könnte man schon ins Schwärmen geraten: Heizungs- und Lüftungsrohre in leuchtendem Orange kreuzen die tiefblaue Stahlfachwerkkonstruktion, alle Türen erstrahlen in Signalrot, die Sitzpolster im Theatersaal changieren zwischen moosgrün und moosweich. Und erst die Hutablagen in den Garderoben! Die Spiegel! Wer auf Ricardo Suchbegriffe wie «Retro» und «70s» abonniert hat, wird sich am originalgetreuen Interieur des Theaters kaum sattsehen können. 

«Man könnte sagen, es ist das Centre Pompidou von Winterthur» beschreibt Kirsten Barkey, die Leiterin Verkauf, Kommunikation und Marketing, den frisch gepuderten Theaterbau.

Die Verwandtschaft mit dem Pariser Kunst- und Kulturzentrum ist unverkennbar. Auch das Theater Winterthur ist, wie sein französischer Vetter, ein Vertreter der High-Tech-Architektur. Und dort wie hier buhlen Architektur und Programm um die Aufmerksamkeit des Publikums. Und auch um meine. Eigentlich bin ich nicht gekommen, um mit Kirsten Barkey über Farben und Fensterformen, sondern über die neue Programmsparte Performance zu sprechen. Darüber, dass der Bereich die Möglichkeit eröffnet, nicht jedes Stück streng in den Topf Schauspiel, Musiktheater oder Tanz werfen zu müssen. Doch wir driften ab: Vom Eröffnungswochenende («fantastisch!»), über die Liebestrasse-Zwischennutzung («klein und gemütlich»), bis hin zur Saaldemokratie («gute Sicht von allen Plätzen»). Immer wieder kommt das Gewand des Gastspieltheaters zur Sprache. Doch genau dieses Driften passt zur neuen Sparte. «Performance – damit wollen wir auch die Vielfalt des Theaterschaffens abbilden», erklärt Kirsten Barkey. «Das Theater ist über die letzten Jahrzehnte reicher, vielfältiger an Formen geworden.» Nicht jede Produktion kann und will sich festlegen. Vor allem auch lässt das Abschweifen und Aufbrechen von konventionellen Formen Neues entstehen – und gibt gleichzeitig Projekten aus der freien Szene mehr Sichtbarkeit. «Von Nouveau Cirque, über Slapstick, bis Erzähltheater mit Live-Zeichnungen – in der Sparte Performance sind Produktionen zu sehen, die um die Ecke gedacht und nicht so klar zu fassen sind.»

Dass das Theater Winterthur nun ziemlich genau so daherkommt, wie Architekt Frank Krayenbühl es in den 1970ern vorgesehen hatte, ist eigentlich unfassbar. «Es wurde geplant, es wurde saniert, es wurde eröffnet.» Das kann nicht jede Baustelle von sich behaupten. Und jetzt? Wird gespielt, gesungen, getanzt und vor allem performt.

Ende November geht das erste Stück aus der Performance-Sparte über die Bühne – ausgerechnet eines, in dem das Theater selbst in die Hauptrolle schlüpft. Mittendrin ein Mann (Marc Oosterhoff), der Regisseur, Bühnentechniker und Requisiteur zugleich ist. Und der damit zu ringen hat, dass Technik und Bühnenbild sich auf einmal verselbstständigen. «Préparation pour un miracle» nennt sich die Produktion, die auch zum Schweizer Theatertreffen eingeladen war.

Die Vorbereitungen hat das Theater Winterthur schon hinter sich gebracht. Erfolgreich, will man sagen. Auch wenn hier und da noch ein paar Schrauben angezogen werden müssen und der Geruch nach frischer Farbe in der Luft hängt: Das blaue Wunder mit Sprenkeln in Orange, Rot und Grün ist startklar. «Es ist ein Haus, das jetzt für die Zukunft gerüstet ist», bemerkt Kirsten Barkey.

Recht hat sie. Ich komme auf jeden Fall bald wieder.